Vorstellung
Filmreihen
Filmtage
Kinoprojekt
Links
Kontakt
E-Mail
zurück zur Startseite

Mittendrin und außenvor
(Juni 1999)

In England wie auch in Frankreich haben Filme von MigrantInnen eine lange und auch erfolgreiche Tradition, sind mittlerweile selbstverständlicher Bestandteil der jüngeren Kinogeschichte. Einige wenige Filme wie z.B. "Mein wunderbarer Waschsalon" (Regie: Stephan Frears, Drehbuch: Hanif Kureishi; GB 1985) oder aus der algerisch-französischen Bewegung des sog. "cinema beur" hatten auch in Deutschland Erfolg.

In den meisten in der BRD produzierten Filmen spielte das Leben von MigrantInnen, die hier aufgewachsen sind, wenn überhaupt nur klischeehaft - als Beiwerk zum Krimi oder zur Komödie - eine Rolle. Dennoch gab es auch hier schon seit Jahren Filme von MigrantInnen, die in der öffentlichen Wahrnehmung aber kaum Beachtung fanden. Dies hat sich im letzten Jahr insbesondere durch die Produktion einer Reihe "deutsch-türkischer Filme" verändert. Diese Filme von MigrantInnen stellen den vorherrschenden Klischees das Erleben und die Reflektion ihres Alltags entgegen. Sie schreiben ihre Geschichte selbst.

Uns ist bewusst, dass die Etikettierung "türkisch-deutscher" Film, das Öffnen neuer Schubladen bedeuten kann. Die Filme in dieser Reihe sind so unterschiedlich wie die RegisseurInnen, die hier leben. Die Gefahr einer Reduzierung der Filme (-macherInnen) auf das Thema bzw. die Herkunft bleibt bestehen, ist aber nicht unsere Absicht. Schön wäre es, in einer Gesellschaft zu leben, in der die Lebensrealität von Millionen hier lebender Menschen selbstverständlicher Bestandteil dieser Kultur wäre. Schließlich ist diese Realität oft näher an "unserem" Alltag, als in vielen neuen deutschen Filmen, die in den schick gestylten Altbauwohnungen von München, Hamburg oder Berlin spielen.

Aber noch immer gibt es in Deutschland alltäglichen Rassismus, Pogrome und Übergriffe auf alle "Nicht-Deutschen", gibt es ein völkisches Staatsbürgerschaftsrecht, Ausländergesetze, Abschiebungen und Menschen ohne Papiere und Rechte. Solange dieser Rassismus nicht abgeschafft ist, kann es auch keine wirklich gleichberechtigte Kultur geben. Es liegt also an uns, diese Etikettierung(en) überflüssig zu machen.

Dennoch und gerade deshalb freuen wir uns, dass hier mit wenig Geld spannende Filme gemacht wurden. Insbesondere freuen wir uns auf die Diskussionen mit den FilmemacherInnen, Darstellern und dem Schriftsteller, die zu den Filmen bzw. zur Lesung nach Oldenburg kommen.


Montag, 07.06.99, 20:00 Uhr:

Der Abschübling

von Tuncay Kulaoglu
Deutschland 1996, 15 min, 35 mm

Der Asylantrag ist abgelehnt, der Abschübling auf der Flucht vor der Polizei. Mit Hilfe von Freunden gelingt es ihm zu entkommen, bis ihm eine Fahrkarte zum Verhängnis wird. Zu einem Paket verschnürt wird er ins Flugzeug befördert.

Tuncay Kulaoglu wird am 07.06. anwesend sein.

Dealer

von Thomas Arslan
Deutschland 1998, 74 min, 35 mm

Viel zu lange schon arbeitet Can als Straßenverkäufer für den Kiezgangster Hakan. Seine Tage fließen zäh die immergleichen Wege entlang: Er steht alleine an Straßenecken herum und wartet auf Kundschaft. Abends sucht er in den Clubs nach Abnehmern. Wenn er nach Hause in die Plattenbauwohnung kommt, schlafen seine Freundin Jale und seine Tochter längst. Oft liegt Can auf dem Bett oder schaut aus dem Fenster. Er will weg von der Straße. Er weiß, daß es so nicht weitergehen kann. Die Polizei hat es auf ihn abgesehen. Und Jale hat es satt gute Miene zum gefährlichen Spiel zu machen. Doch Can ist nicht konsequent genug, um seinen Willen in die Tat umzusetzen. Da der Dealer nicht selbst in der Lage ist, sein Leben zu verändern, tun es andere: Jale verläßt ihn. Halbherzig versucht sich Can als Küchenhelfer, dealt aber weiter. Schließlich wird er verhaftet. Nach dem Gefängnis droht ihm die Abschiebung.

"Dealer" ist der zweite Teil von Arslans Trilogie über das Leben junger Türken in Berlin und kommt wie zuvor "Geschwister" ohne Kiez-Klischees (auch ohne gut gemeinte) und folkloristischen Firlefanz aus. Ein kleiner intensiver Film.


Donnerstag, 10.06.99, 20:00 Uhr:

ODA

von Sema Poyraz
Deutschland 1993, 12 min, 35 mm

Die alte Frau, die allein in einem Mietshaus lebt, freut sich, dass sie so nette Nachbarn hat. Es stört sie nicht, daß es keine Deutschen sind. Als ein türkischer Junge erstochen wird, versteht sie nicht, warum seine Mutter sich so merkwürdig verhält.

Sema Poyraz wird am 10.06. anwesend sein.

Ich Chef, Du Turnschuh

von Hussi Kutlucan
Deutschland 1998, 93 min, 35 mm

Das Wort von der "ausweglosen Situation" ist Dudie völlig unbekannt. Gewitzt und respektlos laviert er sich durch ein ungastliches Deutschland, das er zu seiner Heimat gewählt hat. Nach seiner Flucht vom Containerschiff (die ZASt in Hamburg) schlägt er sich als Illegaler auf der Großbaustelle am Berliner Reichstag durch. Unversehens kommt er zu einem Sohn, für den er nun auch noch sorgen muß, obwohl er wieder mal ohne Wohnung, ohne Geld, ohne Arbeit und ohne Freunde dasteht. Ein Zeitungsartikel bringt Dudie auf die Idee, sich bei einer ängstlichen alten Dame einzuquartieren. Auch der kleine Junge ist mit von der Partie, und alles könnte zur allseitigen Zufriedenheit laufen, wenn da nicht eine misstrauische Nachbarin wäre...

Hussi Kutlucan erzählt Dudies Odyssee als erfrischende, bitterkomische Überlebenskomödie, ohne die Tiefen und Härten des Lebens zu verleugnen.

Hussi Kutlucan wird am 10.06. anwesend sein.


Montag, 14.06.99, 20:00 Uhr:

Gräfin Sophia Hatun

von Ayse Polat
Deutschland 1997, 16 min, 35 mm

1680 in Norddeutschland. Die wegen einer Liebesaffäre von ihrem Ehemann lebenslänglich in ein norddeutsches Schloss verbannte Gräfin Sophia Dorothea von Wilhelmsburg trifft bei einem ihrer verbotenen Ausritte auf ihren türkischen Diener, der sich ebenfalls verbotenerweise außerhalb des Schlossareals befindet. Aufgrund dieser Begebenheit entwickelt sich eine nähere Beziehung. Von einer Laune geleitet, will sie den türkischen Diener eines Tages in die Freiheit entlassen, doch der sträubt sich dagegen.

Ayse Polat wird am 14.06. anwesend sein.

Lola und Bilidikid

von Kutlug Ataman
Deutschland 1998, 91 min, 35 mm

Murat ist 17. Er ist Türke, er ist Berliner und hungrig nach dem Leben. Murats heimliche Liebe sind die Männer in den schrillen Transvestitenlokalen und den nächtlichen Parks. Bei seinem Coming Out stößt er auf den erbitterten Widerstand seines Bruders - und in Gestalt von Lola auf die furchtbare Geschichte seiner Familie. Murat muß sich entscheiden, ob er mit einer Lüge oder mit der schmerzhaften Wahrheit leben will. Lola und Bilidikid ist eine zugleich tragische wie hoffnungsvolle Geschichte aus Tausendundeiner Kreuzberger Nacht, in der sich türkisch deutscher Underground und schwule Subkultur berühren.

Ein Film über die Kraft des Einzelnen, Grenzen zu überschreiten.

Mit Gandi Mukli und Erdal Yildiz sind zwei der Hauptdarsteller am 14.06. anwesend.


Mittwoch, 16.06.99, 20:00 Uhr, PFL:

Lesung mit Feridun Zaimoglu

"'National Befreite Zonen' gibt es nicht nur im Osten. Jeder kennt Magdeburg-Olvenstedt aus Funk und Fernsehen, aber wie ist es zum Beispiel mit Neumünster-Gadeland oder Itzehoe oder Kremperheide oder Hamburg-Bergedorf. Stiefelnazis sind nur ein Teil der politischen Wirklichkeit. Die eigentlichen Aufwiegler sind einige prominente Vertreter der politischen Klasse. Die Stichworte kommen längst aus der Mitte der Gesellschaft.
All das macht sich in der Stimmungslage der Kanakster in Deutschland bemerkbar. Bezüglich der politischen Verhältnisse in diesem Land hat sich eine Düsternis und eine Wut breit gemacht, die aus vielen Protokollen spricht und die ich selbst vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten hätte."
(Aus dem Vorwort zu "Koppstoff")

Feridun Zaimoglu, geboren 1964 in Bolu, Türkei, lebt seit fast 30 Jahren mit kurzen Unterbrechungen in Deutschland, seit 1985 in Kiel. Er studierte Kunst und Humanmedizin, ist Mitbegründer der türkischen Literaturzeitschrift ARGOS, Kolumnist für SPEX und wurde mit seinen beiden ersten Büchern zum Kultautor.

Feridun Zaimoglu wird hauptsächlich aus seinem neuen Buch Koppstoff lesen. Es beinhaltet Protokolle von türkisch-deutschen Frauen und ihre Reflektionen auf den deutschen Alltag. In seinen beiden ersten Büchern Kanak Sprak (1995) und Abschaum (1997) ging es eher um die männliche Sicht der Dinge.


Donnerstag, 17.06.99, 20:00 Uhr:

Unberührt

von Seyhan Derin
Deutschland 1993, 15 min, 35 mm

Eine junge Frau steht verzweifelt zwischen den Zwängen, die ihre Familie ihr auferlegt und ihren eigenen Wünschen. Sie entscheidet sich.

Ben annemin kiziyim - Ich bin Tochter meiner Mutter

von Seyhan Derin
Deutschland 1996, 89 min, 16 mm

Eine Reise in das Leben dreier Frauengenerationen zwischen Deutschland und der Türkei. Die Tochter ist in der Türkei geboren und in Deutschland aufgewachsen. Als der Vater die Familie zurückschicken will, um sein eigenes Heimweh zu stillen, weigern sich drei der Töchter zurückzukehren und bleiben in Deutschland. Mit sehr viel Feingefühl und Verständnis zeichnet die Autorin/Regisseurin die Positionen der Personen nach.

Seyhan Derin wird am 17.06. anwesend sein.


vorstellung    filmreihen    filmtage    cine k    links    kontakt